Hekatron hat auf der Feuertrutz erstmals KI-Funktionen für seine digitale Servicelandschaft H+ vorgestellt. Im Interview mit SECURITY INSIGHT erklärt Matthias Schmölders, Leiter Digital Business Solutions, was die Werkzeuge leisten, wo sie Zeit sparen und warum Fachleute weiter selbst entscheiden müssen.
Herr Schmölders, Hekatron spricht bei H+ von einer digitalen Servicelandschaft. Was hat es damit auf sich?
H+ ist unsere Plattform, wir sprechen auch von einer Suite. Man kann sich das ein Stück weit wie Microsoft 365 vorstellen. Unter H+ gibt es verschiedene Anwendungen. Das beginnt früh bei der Planung, geht über die Inbetriebnahme und Betreuung von Anlagen bis zum Service und zur Modernisierung. Es geht also um den ganzen Lebenszyklus von Brandschutzsystemen. Dabei geht es nicht nur um Hekatron-Systeme. Unsere Kunden sind ja sehr unterschiedlich unterwegs, beispielsweise auch in den Bereichen Brandmeldeanlagen, Rauch- und Wärmeabzüge oder Feuerlöscher. Deshalb ist unsere Plattform sehr universell angelegt.
Auf der Feuertrutz ging es erstmals um KI-Funktionen in dieser Plattform. Wie funktionieren diese genau?
Wir haben zwei Anwendungen vorgestellt, die man auf der Messe ausprobieren konnte. Eine Anwendung richtet sich an den technischen Support (H+ Assist). Das ist im Prinzip das, was unsere Kunden heute oft über die Hotline klären. Also Fragen wie: Wie muss ich etwas einrichten, was muss ich beachten, wie funktioniert ein bestimmter Anwendungsfall? Antworten auf diese Fragen, kann man zukünftig in einem Chat bekommen.
Die zweite Anwendung (H+ Plan) betrifft die Projektierung von Brandmeldeanlagen. Das funktioniert so: Man lädt einen Gebäudeplan hoch, dann werden Räume erkannt und segmentiert und danach werden normativ die Komponenten der Brandmeldeanlage eingeplant. Eine Planung, die bisher Stunden gedauert hat, wird damit zukünftig in wenigen Minuten möglich sein.
Ist der Support-Assistent also so etwas wie ChatGPT für den Brandschutz?
So kann man es vereinfacht sagen, die KI ist aber auf Technik und Brandschutz spezialisiert. Für uns ist dabei die Nachvollziehbarkeit sehr wichtig. Bei ChatGPT klingt oft alles gut, wir gehen aber eine Stufe tiefer. Wenn eine Antwort kommt, sieht der Anwender, aus welchem Dokument diese Aussage stammt. Er kann auf die Quelle klicken und landet in der technischen Dokumentation genau an der Stelle, aus der die Information gezogen wurde.
Welche Daten nutzt dieser KI-Assistent?
Er nutzt freigegebene Hekatron-Dokumente. Es geht erst einmal um den technischen Support zu unseren Themen, wie ihn unsere Hotline anbietet. Die Antwort entsteht ausschließlich aus Dokumenten, die wir selbst freigegeben haben. Wenn die Frage zu allgemein gestellt ist, kann der Assistent auch Rückfragen stellen. Wenn jemand zum Beispiel nur fragt, was bei einem Melder zu beachten ist, muss erst geklärt werden, worum es genau geht. Dann wird die Frage präzisiert.
Und wie funktioniert die KI bei der Planung?
Dort ist es eine andere Technologie. Bei der Planung geht es stärker um Computer Vision. Der Plan muss segmentiert, Räume müssen erkannt werden. Die KI hilft also vor allem beim Erkennen des Grundrisses. Das klingt einfacher, als es ist. Wenn ich weiß, wie groß und wie hoch ein Raum ist, muss ich trotzdem wissen, welcher Sensortyp an welcher Stelle vorgesehen ist. Dafür braucht man Brandschutz- und Normenwissen. Das macht kein CAD-Hersteller mal eben nebenher.
Wer hat dieses Wissen eingebracht?
Wir haben bei Hekatron eine Abteilung, die selbst Projektierungen vornimmt. Diese Kolleginnen und Kollegen waren in die Entwicklung eingebunden. Dazu kamen Normen- und Richtlinienspezialisten sowie Kunden, die das hinterfragt haben. Der Softwareentwickler kennt die Praxis ja oft nicht. Das fachliche Wissen muss deshalb mit den technischen Möglichkeiten zusammenkommen.
Wo liegt für Errichter und Fachplaner der größte Nutzen?
Der zentrale Punkt ist der Zeitgewinn. Unsere Kunden haben oft ein Projekt nach dem anderem. Wenn dann ein Mitarbeiter krank wird oder kündigt, führt das schnell zu Engpässen. Hier wollen wir Arbeitserleichterung schaffen.
Bei der Planung wird heute Etage für Etage gearbeitet. Die Melder werden gesetzt, der Plan wird mit Normen und Richtlinien abgeglichen. Die Regeln beschreiben zwar gut, was zu tun ist, aber der Abgleich mit dem konkreten Gebäudeplan kostet Zeit. Wenn die breite Masse schneller geplant ist, kann sich der Fachplaner mehr um die schwierigen Stellen kümmern.
Welche schwierigen Stellen sind das?
Zum Beispiel, wenn der Plan von der Realität im Gebäude abweicht, oder wenn jemand aus Erfahrung weiß, dass eine bestimmte Konstellation später zu höheren Kosten oder zu Fehleranfälligkeit führen kann. Dann muss dieses Know-how in den Plan einfließen. Die einfachen, wiederholenden Tätigkeiten kann die Technik vorbereiten. Die Details muss weiterhin der Fachmann beurteilen.
Wann können Kunden die Anwendungen nutzen?
Die Planungsfunktion ist seit der Feuertrutz für Kunden nutzbar, die sich registriert haben. Den Support-Assistenten „H+ Assist“ nutzen wir im Moment intern. Unsere Hotline- und Support-Kollegen lassen ihn parallel mitlaufen und prüfen die Antworten. Ab Herbst wollen wir ihn Kunden zum Testen geben. Dann geht es auch darum, Feedback einzusammeln und daraus zu lernen.
Wie waren die Reaktionen auf der Messe?
Wir waren überrascht, wie groß die Nachfrage war. Noch ist das ja ein sehr spezifisches Thema. Aber unsere Kollegen waren ständig im Austausch mit den Besuchern, und das waren keine Zwei-Minuten-Gespräche. Die Branche will es genau wissen. Da wurde der Gebäudeplan angeschaut, es wurde gefragt, was erkannt wird und was man noch verändern muss. Die Reaktionen waren sehr gut.
Bei KI kommt oft schnell die Frage nach falschen Antworten bzw. Halluzinationen auf. Wie lösen Sie dieses Problem?
Wir testen den Support-Assistenten seit ungefähr sieben Monaten intern. Unsere Experten kennen die richtigen Antworten und bewerten die Qualität. Es gibt Rückmeldungen wie Daumen hoch, Antwort in Ordnung, aber verbesserungsfähig, oder Antwort falsch. Rund 80 Prozent der Antworten sind im grünen Bereich. Wirklich falsche Antworten gibt es so gut wie keine, und falls doch, untersuchen wir, wie diese zustande gekommen ist. Häufig liegt es dann daran, dass im Hintergrund ein Dokument nicht aktuell genug ist oder eine Information anders aufbereitet werden muss. Da das System zu keinem Zeitpunkt frei erfundene Antworten liefert, sondern immer auf verifizierte Informationen zurückgreift, entspricht das Risiko dabei dem klassischen Umgang mit technischen Unterlagen: Wenn etwas falsch interpretiert wird, kann das zu einem fehlerhaften Ergebnis führen. Deshalb bleibt die Prüfung durch den Anwender entscheidend. Im Zweifel zeigt sich ein Problem daran, dass eine angebotene Lösung nicht funktioniert. Dann können wir an dieser Stelle nachbessern.
Im Brandschutz reicht im Zweifel eine falsche Antwort, um ein Problem auszulösen. Wie gehen Sie damit um?
Bei keinem dieser Themen kann man den Kopf ausschalten. Das ist für mich die größte Gefahr bei KI. Man darf nicht alles unhinterfragt übernehmen. Unsere Kunden sind für ihre Arbeit geschult und zertifiziert. Wenn ein Errichter eine Antwort bekommt, sieht er die Quelle und kann sie prüfen. Er erkennt die technische Dokumentation und kann an der Stelle nachlesen. Die KI soll ihn nicht ersetzen. Sie soll ihn schneller an die richtige Information bringen. Die letztendliche Entscheidung aber bleibt beim Anwender.
Wohin kann die Nutzung Künstlicher Intelligenz im Brandschutz Ihrer Einschätzung nach noch führen?
Ich glaube, wir werden in Zukunft stärker über digitale Kollegen nachdenken, so wie wir das in anderen Branchen bereits sehen, in denen KI-Agenten mit Namen, Rollenbeschreibung und Aufgaben trainiert werden. Auf den Brandschutz übertragen könnte das bedeuten, dass Planer, Errichter, Projektleiter oder Techniker jeweils eigene Unterstützung bekommen. Heute sind wir vor allem bei Wissensaufbereitung. Spannend wird es, wenn Systeme Handlungen vorbereiten.
Was bedeutet das für Hekatron?
Wir haben durch H+ eine gute Ausgangslage, weil dort schon viele Informationen über den Lebenszyklus einer Anlage zusammenkommen. Zehntausende Brandschutzsysteme sind in H+ abgebildet. Der Zustand dieser Anlagen ist das Geschäft unserer Kunden. Sie müssen wissen, was zu tun ist und wer sich darum kümmert. Wenn KI hilft, solche Informationen besser aufzubereiten, kann das den Alltag spürbar erleichtern. Aber der Maßstab bleibt derselbe. Es muss fachlich stimmen, nachvollziehbar sein und entscheiden können muss letzten Endes nach wie vor der Mensch.








